Schreibregeln & Nomenklatur in der Hand- und Plastischen Chirurgie

Allgemeines

Sie sind die letzte Generation, die noch das Formulieren von Arztbriefen lernen kann - nutzen Sie die Chance!

Jeder Brief ist wie eine Visitenkarte mit dem Namen des Briefschreibers - die entsprechende Mühe ist bestens investierte Zeit. Die Briefe müssen für alle Ärzte verständlich formuliert sein.

Bitte immer auf Rechtschreibung achten - Briefe mit Fehlern im "Diagnose"- oder "Therapieempfehlung"-Block gehen direkt zurück

Abkürzungen sind unbedingt zu vermeiden, deutsche Begriffe sollten unbedingt bevorzugt werden (Mittelhandknochen statt MHK).

I. Allgemeine Schreibregeln

Das V-Wort
palmar statt volar
Dies ist das Signalwort, um sich als Nicht-Handchirurg zu outen. Im Lateinischen gibt es weder „palmar“ noch „volar“, allerdings heißt „volare“ fliegen und bezieht sich anatomisch eher auf Vögel. Dem Begriff palmar sollte eindeutig der Vorzug gegeben werden, dies ist auch in internationalen Klassifikationen so festgehalten. Auch ein Röntgenbild ist dorsopalmar und nicht a.p..
kein V.a.
[Symptom], am ehesten / [Symptom], DD ... statt V.a.
V.a. ist keine Diagnose. Manchmal kommt es vor, dass man keine Diagnose stellen. Dann empfiehlt es, das Hauptsymptom zu beschreiben und eine Einschätzung abzugeben, z.B. "Akuter Handgelenksschmerz, am ehesten ..." oder meinetwegen auch "... bei klinischem V.a. Skaphoidfraktur"
Fingerbezeichnungen
Zeigefinger / PIP III statt Langfinger / d3
1.) Der Daumen ist kein Kurzfinger, deshalb gibt es grudnsätzlich auch keine Langfinger.
2.) Der stilsichere Arztbriefschreiber verwendet deutsche Begriffe wie Zeigefinger oder Mittelgelenk.
3.) Wenn abgekürzt werden soll, dann mit römischen Ziffern: PIP III statt d3.
Griechische Schreibweise
Skaphoid / Karpus statt Scaphoid / Carpus
Karpaltunnelsyndrom (KTS) statt Carpaltunnelsyndrom (CTS)
Das Wort Skaphoid hat griechische Wurzeln. Im griechischen Alphabet gibt es kein „c", deswegen sollte es nicht mit „c" geschrieben werden. Gleiches gilt für das Wort Karpus. Werden Begriffe „eingedeutscht“, so sollte man nicht die lateinische Schreibweise beibehalten, sondern das C durch K oder Z ersetzen (z.B. kutan statt cutan). Lateinische Bezeichnungen werden aber selbstverständlich mit "c" geschrieben: Os scaphoideum.
Unerwünschte Abkürzungen
tiefe Beugesehne statt FDP V
radialer Fingernerv statt N3/A3
Discus triangularis statt TFCC
Die Briefe müssen für den durchschnittlichen Hausarzt verständlich formuliert sein. Abkürzungen wie TFCC, N3/A3, MHK, SL-Band, SNAC/SLAC oder FDP V sind unbedingt zu vermeiden.
Feststehende Kürzel
N. Medianus / 10 mm / M. Dupuytren statt Nervus Medianus / Zehn Millimeter
Üblicherweise nicht ausgeschrieben werden Nerven- oder Gefäßbezeichnungen, Maßeinheiten (z.B. 10 Ch. Redondrainage) sowie in der Regel auch "Morbus". Hier ist der Kampf mit dem LLM vorprommiert, diese sollte im Ideal entsprechend trainiert werden.
Diagnosestellung
Konsolidierte Fraktur... statt z.N. Fraktur
Auch „z.N." ist keine Diagnose, hier muss konkreter formuliert werden, z.B. mit einem Symptom (s.o.) (""Unklare Schmerzhaftigkeit nach...").
Denervierung
Handgelenksdenervation statt Denervierung N. inteross. post.
Einen Nerven kann man nicht denervieren, nur ein Gelenk. Korrekt ist "Handgelenksdenervation" oder "Durchtrennung N. inteross. post.".
BG-Gutachten
MdE voraussichtlich über 20% statt Wird durch Gutachten eingeschätzt
In Briefen an die Berufsgenossenschaft müssen ausnahmslos Aussagen zur weiteren Arbeitsunfähigkeit und zur Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) gemacht werden. Für die BG ist ausreichend, ob die MdE voraussichtlich über 20% (= rentenberechtigender Bereich) liegen wird (d.h. ob eine Begutachtung notwendig werden wird). Aussagen wie "kann nach Abschluss der Behandlung durch ein Gutachten eingeschätzt werden" sind wenig hilfreich.

II. Fachsprachliche Nomenklatur

Eindeutschen
Karpaltunnelsyndrom (KTS) statt Carpaltunnelsyndrom (CTS)
Werden Begriffe „eingedeutscht“, so sollte man nicht die lateinische Schreibweise beibehalten, sondern das C durch K oder Z ersetzen (z.B. kutan statt cutan).
Gewebeverlagerung
Transplantation / Transposition statt Transfer
In der älteren chirurgischen Literatur steht Transplantation für die Umpflanzung von abgetrenntem Gewebe und Transposition für Gewebe, das seine Blutversorgung mitbringt. Der Begriff „transfer“ wurde unkritisch aus dem Angloamerikanischen übernommen.
Nerven & Sehnen
Nervennaht / Koaptation statt Nervenanastomose
Hohlorgane mit einer Öffnung können anastomosiert werden. Sehnen, Nerven, Bänder und Muskeln haben keine „Öffnung“ und können daher nicht anastomosiert werden.
Bewegungseinschränkung
Insuffizienz statt Kontraktur (wenn passiv beweglich)
Bei einer Insuffizienz die Gelenke passiv frei beweglich. Sind die Gelenke passiv nicht frei beweglich, liegt eine Kontraktur vor.
Mondbeintod
Lunatumnekrose statt Lunatummalazie
Eine Osteomalazie ist eine Störung mit Erweichung aller Knochen. M. Kienböck beschreibt jedoch eine aseptische Osteonekrose des Mondbeins.
Gelenkversteifung
Temporäre Transfixation statt Temporäre Arthrodese
Die Arthrodese ist immer endgültig und kann nicht rückgängig gemacht werden. Wird ein Gelenk nur vorübergehend festgestellt, spricht man von einer (temporären) Transfixation.
Infektionen
Paronychie / Empyem / Abszess statt Panaritium / Phlegmone
Nicht jede Rötung an der Hand darf mit der nicht scharf abgegrenzten Phlegmone beschrieben werden. Auch der Ausdruck „Panaritium“ ist zu einem ungenauen Sammelwort geworden und sollte nicht mehr gebraucht werden.
Gelenkschleimhaut
Synovialitis / Synovialektomie statt Synovitis / Synovektomie
Die Flüssigkeit selbst ist nicht entzündet, sondern die Schleimhaut (Synovialis), weshalb man korrekterweise von Synovialitis spricht. Herausschneiden kann man ebenfalls nur die Schleimhaut (Synovialektomie).
Schnittführung
Bruner statt Brunner
Die Zick-Zack-Schnittführung am Finger geht auf Julian Bruner zurück.
Röhrenknochen
Radiuskopf / Metakarpalkopf statt Radiusköpfchen
Von einem Köpfchen spricht man nur, wenn an einem Knochen zwei Köpfe vorhanden sind, wie beim Humerus. Es ist falsch, von einem Mittelhandknochenköpfchen zu sprechen.
Anomalien
Fehlbildung statt angeborene Fehlbildung
Da sich Fehlbildungen während der Intrauterinphase gestört entwickeln, sind sie immer angeboren. Den Pleonasmus „angeborene Fehlbildung“ sollte man umgehen.
Gelenkstellung
Torsionsabweichung statt Rotationsfehler
Unter Rotation ist der dynamische Vorgang gemeint. Torsion beschreibt auch den statischen Zustand der Fragmente nach einem Unfall. Zudem hat das Wort „Rotationsfehler“ beim Betroffenen einen ähnlichen Klang wie „Kunstfehler“.
Wortstämme
muskulokutan / Skaphoidfraktur statt myokutan / Skaphoidbruch
Werden Begriffe aus verschiedenen Sprachen zusammengesetzt, sollte die lateinisch-lateinische oder deutsch-deutsche Form (wie Kahnbeinbruch) gewählt werden.
Hautlinien
Beugefurche statt Beugefalte
Furchen sind Einsenkungen und Falten über das Niveau hochstehende Aufwerfungen.